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HBS SteelPower-e: Ein türkischer Elektro-Lkw nimmt Europa ins Visier

30.09.2026 18:05
#1 HBS SteelPower-e: Ein türkischer Elektro-Lkw nimmt Europa ins Visier
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Arndt

HBS SteelPower-e: Ein türkischer Elektro-Lkw nimmt Europa ins Visier


Auf den ersten Blick könnte man den mächtigen weißen Elektro-Lkw für ein weiteres neues Fabrikat aus China halten. Tatsächlich stammt der HBS SteelPower-e jedoch aus der Türkei. Hinter der noch weitgehend unbekannten Marke HBS steht der türkische Industriekonzern HABAŞ, der auf der IAA Transportation 2026 in Hannover selbstbewusst den Schritt auf die internationale Bühne wagte.

Der ausgestellte SteelPower-e ist eine batterieelektrische 4x2-Sattelzugmaschine mit 410 kW Leistung, umgerechnet rund 557 PS. Das Fahrzeug soll zeigen, dass künftig nicht nur chinesische Hersteller, sondern auch neue Wettbewerber aus der Türkei auf den europäischen Nutzfahrzeugmarkt drängen.

HABAŞ – weit mehr als ein neuer Lkw-Hersteller


HABAŞ ist kein junges Start-up, das lediglich einen spektakulären Prototyp auf die Räder gestellt hat. Der in den 1950er-Jahren gegründete türkische Mischkonzern ist unter anderem in der Stahlproduktion, der Energieerzeugung, bei Industrie- und Medizingasen, im Maschinenbau sowie in der Hafen- und Schifffahrtslogistik tätig.

Nach eigenen Angaben verfügt HABAŞ über eine jährliche Rohstahlkapazität von rund 4,5 Millionen Tonnen und Kraftwerkskapazitäten von insgesamt etwa 1.100 MW. Damit bringt das Unternehmen finanzielle Mittel, industrielle Erfahrung und vor allem einen direkten Zugang zu Stahl, Energie und Fertigungstechnik mit.

Die Entscheidung zum Aufbau einer eigenen Automobilsparte fiel 2021. Im selben Jahr übernahm HABAŞ außerdem das ehemalige Honda-Werk im türkischen Şekerpınar. Während dort künftig auch Personenwagen entstehen sollen, konzentriert sich die Nutzfahrzeugproduktion auf das Werk in Manisa.

Entwicklung in İzmir, Produktion in Manisa


Die Entwicklung der schweren Nutzfahrzeuge begann im Forschungs- und Entwicklungszentrum in Çiğli bei İzmir. Dort entstanden die Konstruktionen und ersten Prototypen der neuen Lkw-, Bus- und Midibus-Baureihen.

Die Serienfertigung der schweren Nutzfahrzeuge wurde nach Unternehmensangaben Anfang 2025 im Industriegebiet von Manisa aufgenommen. Das rund 100.000 Quadratmeter große Werk verfügt über CNC-Bearbeitungszentren, Robotersysteme und zwölf Montagelinien, von denen vier vollständig automatisiert sein sollen.

Als jährliche Produktionskapazität werden bis zu 15.000 Fahrzeuge genannt. Dabei handelt es sich jedoch um die Kapazität des gesamten Werkes für unterschiedliche Nutzfahrzeuge und ausdrücklich nicht um eine bestätigte Produktionsmenge des SteelPower-e. Wie viele elektrische Sattelzugmaschinen tatsächlich gebaut wurden, veröffentlicht HABAŞ bislang nicht.

Die wichtigsten technischen Daten


Der SteelPower-e wird als zweiachsige 4x2-Sattelzugmaschine angeboten. Sein elektrischer Antrieb soll 410 kW und ein maximales Drehmoment von 3.100 Nm bereitstellen. Die Leistung entspricht ungefähr 557 PS und liegt damit auf dem Niveau leistungsstarker Diesel-Sattelzugmaschinen.

• Hersteller: HABAŞ beziehungsweise Marke HBS
• Modell: SteelPower-e
• Fahrzeugart: batterieelektrische Sattelzugmaschine
• Achsformel: 4x2
• Elektromotor: permanenterregter Synchronmotor – IPMSM
• Maximale Leistung: 410 kW beziehungsweise rund 557 PS
• Maximales Drehmoment: 3.100 Nm
• Batteriesystem: Lithium-Eisenphosphat – LFP
• Genannte Batteriekapazität: 282 kWh
• Lokale Abgasemissionen: keine
• Produktionsort: Manisa, Türkei
• Entwicklungszentrum: Çiğli bei İzmir, Türkei
• Sicherheitsausstattung: unter anderem ABS und AEBS
• Fahrerhauslagerung: Vierpunkt-Luftfederung

In früheren Mitteilungen zur Auslieferung der ersten Fahrzeuge bezeichnete HABAŞ den Antrieb als elektrisches Voith-System. Bei der Präsentation auf der IAA Transportation 2026 wurde der Motor technisch als IPMSM-Antrieb beschrieben.

282-kWh-Batterie spricht eher für regionale Einsätze


Als Energiespeicher nutzt der SteelPower-e ein LFP-Batteriesystem mit einer genannten Kapazität von 282 kWh. Lithium-Eisenphosphat-Batterien gelten als vergleichsweise robust, langlebig und thermisch stabil. Sie benötigen allerdings mehr Bauraum und Gewicht als manche Batterien mit höherer Energiedichte.

Eine offiziell bestätigte Reichweite nennt HABAŞ bislang nicht. Auch zur nutzbaren Batteriekapazität, zum Energieverbrauch, zur maximalen Gleichstrom-Ladeleistung und zur benötigten Ladezeit liegen derzeit keine belastbaren Herstellerangaben vor. Deshalb wäre jede konkrete Reichweitenzahl zum jetzigen Zeitpunkt Spekulation.

Mit 282 kWh fällt der Energiespeicher im Vergleich zu den inzwischen angekündigten europäischen Fernverkehrs-Elektro-Lkw relativ klein aus. Der SteelPower-e dürfte daher zunächst vor allem für planbare Regional-, Werks-, Hafen- und Verteilerverkehre gedacht sein, bei denen das Fahrzeug regelmäßig zum eigenen Betriebshof oder zu einem festen Ladepunkt zurückkehrt.

Erste Fahrzeuge bereits im Kundeneinsatz


Beim HBS SteelPower-e handelt es sich nicht nur um eine Messestudie. Im Mai 2025 übernahm das türkische Logistikunternehmen Talay Logistics drei vollelektrische Sattelzugmaschinen dieses Typs.

Die Fahrzeuge werden nach Angaben des Unternehmens unter anderem im Raum İzmir für Verkehre zwischen Lagerhäusern, Häfen und Fabriken eingesetzt. Geladen werden sie teilweise mit Strom aus Photovoltaikanlagen auf den betriebseigenen Gebäuden. Gerade für solche wiederkehrenden Transportaufgaben mit planbaren Strecken kann ein Elektro-Lkw mit einer vergleichsweise kompakten Batterie wirtschaftlich interessant sein.

Die Übergabe von drei Fahrzeugen belegt einen ersten praktischen Kundeneinsatz. Sie ist allerdings noch kein Nachweis für eine Großserienproduktion. Weitere konkrete Zulassungs- oder Auslieferungszahlen sind bisher nicht öffentlich bekannt.

Stahl aus dem eigenen Konzern


Ein interessantes Merkmal ist die hohe Fertigungstiefe innerhalb des HABAŞ-Konzerns. Für Rahmen, Querträger und weitere stark beanspruchte Strukturteile verwendet der Hersteller eigenen hochfesten Stahl. Genannt wird unter anderem der von HABAŞ produzierte Werkstoff MC650.

Durch den Einsatz hochfester Stähle sollen Stabilität und ein möglichst geringes Eigengewicht miteinander verbunden werden. Das ist bei einem Elektro-Lkw besonders wichtig, weil das Gewicht der Batterie unmittelbar die verbleibende Nutzlast beeinflusst.

HABAŞ kann damit einen Teil seiner eigenen industriellen Wertschöpfung in den Fahrzeugbau integrieren. Ob daraus tatsächlich Preis-, Gewichts- oder Kostenvorteile gegenüber etablierten Herstellern entstehen, lässt sich allerdings erst anhand vollständiger Fahrzeugdaten und unabhängiger Praxistests beurteilen.

Bekanntes Konzept bei Fahrerhaus und Fahrgestell


Der elektrische SteelPower-e und die ebenfalls angebotene Dieselversion SteelPower nutzen grundsätzlich das gleiche Fahrgestellkonzept. Die Fahrzeuge unterscheiden sich in erster Linie durch ihre Antriebssysteme. Dieses Vorgehen kann Entwicklung, Produktion und Ersatzteilversorgung vereinfachen, ist jedoch keine reine Elektroplattform.

Das große Fahrerhaus ist klar auf den schweren Verteiler- und Fernverkehr ausgerichtet. HABAŞ nennt eine ergonomische Innenraumgestaltung, zahlreiche Ablagen, LED-Innenbeleuchtung und eine an vier Luftfederelementen gelagerte Kabine.

Zur genannten Ausstattung gehören unter anderem ein luftgefederter Fahrersitz, ein digitales Informationsdisplay, ein 8,2-Zoll-Touchscreen mit Navigation, Bluetooth, Android Auto und Apple CarPlay. Außerdem werden USB-Anschlüsse, eine 220-Volt-Steckdose, beheizbare und elektrisch einstellbare Außenspiegel, eine Trockenheizung sowie ein schlüsselloses Zugangs- und Startsystem aufgeführt.

Sicherheit und Assistenzsysteme


Zur Sicherheitsausstattung zählen nach Herstellerangaben ABS und ein automatisches Notbremssystem – AEBS. Für die SteelPower-Baureihe werden außerdem verschiedene Brems- und Verzögerungssysteme genannt.

Welche Assistenzsysteme in einer möglichen europäischen Serienausführung tatsächlich serienmäßig eingebaut werden, muss sich noch zeigen. Für den Verkauf in der Europäischen Union wären neben einer entsprechenden Typgenehmigung auch die geltenden europäischen Sicherheitsvorschriften und die verpflichtenden Assistenzsysteme nach der General Safety Regulation zu erfüllen.

Noch fehlen entscheidende Angaben für Transportunternehmer


Aus Sicht eines Transportunternehmers bleiben trotz der interessanten technischen Basis zahlreiche wichtige Fragen offen. HABAŞ nennt bislang weder einen europäischen Verkaufspreis noch konkrete Angaben zur Nutzlast, zum Leergewicht, zur Reichweite unter voller Auslastung oder zur maximalen Ladeleistung.

Ebenso fehlen öffentlich belastbare Informationen zu Batterieg­arantie, Wartungsverträgen, Restwertabsicherung, Ersatzteilversorgung und einem Servicenetz außerhalb der Türkei. Gerade bei einem schweren Lkw sind diese Punkte häufig wichtiger als die reine Motorleistung.

Offen sind insbesondere:

• tatsächliches Leergewicht und verbleibende Sattellast
• nutzbare statt lediglich installierte Batteriekapazität
• Reichweite bei 40 Tonnen Gesamtzuggewicht
• Verbrauch in kWh je 100 Kilometer
• maximale DC-Ladeleistung und Ladekurve
• Ladezeit von 10 auf 80 Prozent
• Batteriegarantie und garantierte Restkapazität
• Kaufpreis und mögliche Leasingangebote
• EU-Typgenehmigung und Lieferbeginn in Deutschland
• Aufbau eines europäischen Werkstatt- und Ersatzteilnetzes

Die IAA 2026 als europäische Visitenkarte


HABAŞ nahm 2026 bereits zum zweiten Mal an der IAA Transportation teil. Neben dem batterieelektrischen SteelPower-e präsentierte das Unternehmen eine Dieselversion des SteelPower mit Mercedes-Benz-OM471-Motor sowie verschiedene Busmodelle, darunter einen Wasserstoff-Brennstoffzellenbus.

Die Präsenz in Hannover ist ein deutliches Signal, dass HBS perspektivisch auch außerhalb der Türkei wahrgenommen werden will. Eine konkrete Markteinführung des SteelPower-e in Deutschland wurde bislang jedoch nicht angekündigt. Ebenso wenig ist derzeit bestätigt, ob das ausgestellte Fahrzeug bereits über eine vollständige EU-Typgenehmigung verfügt.

Ein Messeauftritt ist deshalb noch nicht mit einem unmittelbar bevorstehenden Verkaufsstart gleichzusetzen. Er zeigt aber, dass sich der Wettbewerb auf dem europäischen Nutzfahrzeugmarkt weiter internationalisiert.

Nicht aus China – aber trotzdem ein neuer Wettbewerber


Der HBS SteelPower-e passt auf den ersten Blick gut in unsere Reihe über neue asiatische Nutzfahrzeuge. Geografisch gehört die Türkei teilweise zu Asien, wirtschaftlich und verkehrspolitisch ist das Land jedoch eng mit Europa verbunden. Vor allem ist der SteelPower-e kein chinesisches Fahrzeug, sondern ein türkisches Industrieprojekt.

Ein Teil der Batteriezellen soll aus China bezogen werden, während HABAŞ die Batteriepakete selbst entwickelt, integriert und montiert. Das ist in der Nutzfahrzeugbranche nichts Ungewöhnliches: Auch viele europäische Hersteller greifen bei Batteriezellen auf asiatische Lieferanten zurück.

Einordnung für die Praxis


Technisch wirkt der SteelPower-e mit 410 kW, 3.100 Nm und LFP-Batterie durchaus ernst zu nehmen. Die ersten drei ausgelieferten Fahrzeuge zeigen, dass HABAŞ über die reine Prototypenphase hinausgekommen ist. Die 282-kWh-Batterie begrenzt das Einsatzgebiet jedoch voraussichtlich auf planbare und eher regionale Transportaufgaben.

Für Hafenverkehre, Werkslogistik, Pendelstrecken oder regionale Verteilung kann genau diese Auslegung sinnvoll sein. Eine kleinere Batterie reduziert Gewicht, Kosten und Ladezeit, sofern die tägliche Fahrleistung zum Einsatzprofil passt. Für den klassischen deutschen Fernverkehr über mehrere Hundert Kilometer pro Tag erscheint das bisher bekannte Fahrzeugkonzept dagegen nur eingeschränkt geeignet.

Entscheidend wird sein, ob HBS nicht nur einen technisch interessanten Lkw, sondern ein vollständiges Betriebskonzept anbieten kann. Dazu gehören ein wettbewerbsfähiger Preis, verlässliche Garantien, schnelle Ersatzteilversorgung, ein belastbares Werkstattnetz und realistische Angaben zu Reichweite und Ladeleistung.

Fazit


Der HBS SteelPower-e ist einer der interessanteren Exoten der IAA Transportation 2026. Hinter dem Fahrzeug steht kein kleines Start-up, sondern ein großer türkischer Industriekonzern mit eigener Stahlproduktion, Energieerzeugung und einem neu aufgebauten Nutzfahrzeugwerk.

Mit rund 557 PS, 3.100 Nm und einem 282-kWh-LFP-Batteriesystem besitzt der Lkw eine solide technische Grundlage für regionale und planbare Transporte. Für eine abschließende wirtschaftliche Bewertung fehlen allerdings noch zu viele entscheidende Daten.

HBS muss nun beweisen, dass aus dem Messeauftritt ein dauerhaftes Nutzfahrzeuggeschäft werden kann. Sollte der Hersteller eine europäische Zulassung, konkurrenzfähige Preise und ein tragfähiges Servicenetz aufbauen, könnte aus dem unbekannten türkischen Lkw durchaus ein ernst zu nehmender Wettbewerber werden.

Die Chinesen sind längst da – und nun klopft mit HBS auch die Türkei an die Tür des europäischen Lkw-Marktes.

Quellen


• HABAŞ – offizielle Produktinformationen zu SteelPower und SteelPower-e
• Taşıma Dünyası – HABAŞ auf der IAA Transportation 2026
• Taşıma Dünyası – Übergabe von drei SteelPower-e an Talay Logistics
• TrasportoEuropa – HBS tritt auf dem europäischen Nutzfahrzeugmarkt auf

Hinweis: Reichweite, Ladeleistung, Ladezeit, Leergewicht, Nutzlast, Verkaufspreis und Modellstückzahl wurden vom Hersteller bislang nicht belastbar veröffentlicht. Die genannte Jahreskapazität von 15.000 Fahrzeugen bezieht sich auf das gesamte Nutzfahrzeugwerk in Manisa und nicht allein auf den SteelPower-e.

Gruß vom Arndt


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